Ein erheblicher Teil notleidender Kredite entfällt auf den Real-Estate-Markt, während steigende regulatorische Anforderungen und der europäische NPL-Backstop den Umgang mit Immobilienfinanzierungen spürbar verändern. Klassische Amend-&-Extend-Ansätze stoßen zunehmend an ihre Grenzen. Vor diesem Hintergrund standen im Executive Dialog von Dr. Wieselhuber & Partner (W&P) in Kooperation mit Anchor Rechtsanwaltsgesellschaft mbH sowie dem ikf institut für kredit- und finanzwirtschaft e.V. aktuelle Lösungsansätze für den Umgang mit notleidenden Immobilienkrediten im Fokus.
Christian Groschupp, Partner bei W&P, verdeutlichte, dass es sich bei der Immobilienkrise nicht um ein rein zyklisches Phänomen handelt, sondern strukturelle Veränderungen sichtbar werden. Passive Amend-&-Extend-Strategien seien zu Beginn der Krise häufig nicht erfolgreich gewesen und viele Problemfälle würden nun wieder auf die Agenda zurückkehren. Als Voraussetzung für tragfähige Restrukturierungslösungen hob er die Notwendigkeit einer realistischen Standortbestimmung und belastbarer Bewertungsgrundlagen hervor: „Entscheidend ist der Perspektivwechsel hin zu realistischen Werten – nur so entsteht eine fundierte Basis für Entscheidungen.“ Ergänzend verwies er auf Instrumente wie StaRUG zur Überwindung von Blockaden innerhalb komplexer Gläubigerstrukturen sowie auf alternative Ansätze wie Treuhandlösungen oder Rettungserwerbe, die über klassische Amend-&-Extend-Konzepte hinausgehen.
Die Auswirkungen des NPL-Backstops analysierte Prof. Dr. Stephan Paul, Lehrstuhlinhaber an der Ruhr-Universität Bochum, und ordnete ihn als zentralen Treiber für steigenden Handlungsdruck bei Banken ein. Mit zunehmender Haltedauer notleidender Kredite steigen die Eigenkapitalanforderungen deutlich, was den Anreiz erhöht, Engagements frühzeitig abzubauen und restrukturierungsorientierte Lösungen erschwert. Als möglichen Lösungsansatz skizzierte er eine Anpassung der Regulierung, etwa durch einen „Neustart“ des regulatorischen Kalenders bei Kreditverkäufen, um Investoren mehr Zeit für eine geordnete Verwertung und nachhaltige Restrukturierung zu geben.
Nicole Riedemann, Geschäftsführerin und Partnerin bei Anchor Rechtsanwaltsgesellschaft mbH, rückte die praktische Umsetzung von Verwertungsstrategien aus Finanzierersicht in den Fokus. Vor dem Hintergrund steigenden regulatorischen Drucks gewinnt die Wahl der Verwertungsstrategie an Bedeutung, wobei Banken zwischen freihändigem Verkauf, Zwangsversteigerung und weiteren Optionen abwägen müssen. Entscheidend sind dabei insbesondere Gläubigerstruktur, Grundbuchsituation und mögliche Anfechtungsrisiken, da sie maßgeblichen Einfluss auf Erlös und Durchsetzbarkeit haben.
Matthias Müller, Partner bei W&P, zeigte auf, dass bei klassischen Objektgesellschaften häufig kein vollumfängliches Sanierungskonzept erforderlich ist, sondern eine integrierte Betrachtung mit Fokus auf Verkauf und anschließender solventer Liquidation im Vordergrund steht. Entscheidend sei dabei vor allem die belastbare Plausibilisierung der Verkaufserlöse sowie der Durchfinanzierung bis zum Exit: „Am Ende muss gezeigt werden, dass alle Verbindlichkeiten aus dem Verkauf bedient werden können – und dafür sind in der aktuellen Marktsituation häufig auch klare Verzichtsentscheidungen erforderlich.“ Typische Prüfschritte – vom Finanzstatus über die Sicherstellung der Zahlungsfähigkeit bis hin zur belastbaren Durchfinanzierung und einem konsistenten Exit-Szenario – erläuterte anschließend Kai Kramer, Senior Manager bei W&P, anhand konkreter Fallbeispiele. Entscheidend sei, dass der geplante Verkauf und die anschließende solvente Liquidation plausibel aufeinander aufbauen und die Gläubigerbefriedigung realistisch dargestellt werden kann: „Das A und O ist die Durchfinanzierung über den gesamten Zeitraum.“
In der Werkstattdiskussion standen insbesondere der Umgang mit dem steigenden regulatorischen Druck durch den NPL-Backstop sowie die daraus resultierende Spannung zwischen dem kurzfristigen Abbau notleidender Engagements und nachhaltigen Restrukturierungslösungen im Mittelpunkt. Auch die Frage, inwieweit der Verkauf von NPL-Portfolien oder die Übertragung auf alternative Investoren praktikable Entlastungsstrategien bieten, wurde kritisch beleuchtet. Zudem wurde die zunehmende Belastung der Banken durch das Zusammenwirken von Wertanpassungen und regulatorischen Kapitalanforderungen hervorgehoben. „Die Fälle werden zunehmen – die Institute müssen Kapazitäten schaffen, um sie abzuarbeiten“, fasste Volker Riedel, Moderator und Managing Partner bei W&P, zusammen.