Kommentar von Dr. Stephan Hundertmark, Partner und Leiter Chemie & Kunststoffe bei Dr. Wieselhuber & Partner
Noch in den 1980er Jahren wurden ca. 70% aller Arzneistoffe für den Weltmarkt in Europa produziert. Heute wird der globale Bedarf vornehmlich aus Indien und China gedeckt, die sich nun ihrerseits über 70% des heute viel größeren globalen Marktes für die API-Herstellung teilen. Europa kommt nurmehr auf knapp 25%. Das Gros der Mengen ist weg, damit die Kapazitäten und die industrielle Wertschöpfung aus der Volumenproduktion.
Die gleiche Entwicklung ist auch für die europäische Chemieindustrie unabwendbar! Sie wird sich aber weit schneller vollziehen. Zu dominant sind die Überkapazitäten in China und zu attraktiv ist die komparativen Kostenführerschaft in Indien, das mit dem jüngsten und absolut positiven Freihandelsabkommen näher an uns heranrückt. Noch dazu gibt es in der Chemieindustrie keinen ähnlich wirkungsvollen Patentschutz wie in der Pharmaindustrie.
Und doch, immerhin 25% der Pharmaproduktion liegt weiterhin in Europa. Konkret sind dies innovative Produkte und Arzneistoffe sowie häufig die Endfertigung für die westlichen Märkte. Und was heißt das nun für die Chemieindustrie? Zuvorderst einen endgültigen Abschied von früheren Volumina in der Herstellung von Grund- und Basischemikalien aber auch von commoditisierten, ehemaligen Spezialitäten, vor allem im Bereich der Kunststoffe. Dagegen liegt die Zukunft, wenig überraschend, in Innovationen, die als einzige nachhaltige Erfolgs- und Wachstumsquelle für hiesige Chemieunternehmen bleibt.
Die konsequente Transformation, die diese neue Realität für die Europäischen Chemieunternehmen bedeutet, ist bereits im vollen Gang und zwingend notwendig: Geschäftsfelder müssen hinsichtlich ihrer Zukunftsfähigkeit auf den Prüfstand gestellt, Kapazitäten konsequent angepasst, Kosten gesenkt werden und Innovationspfade und New Business Initiativen, mit allen notwendigen Ressourcen und mutigem Unternehmertum, verfolgt werden. Als Zielbilder für diese Industrie-Transformation können drei Prototypen für erfolgreiche Geschäftsmodelle deutsche Chemieunternehmen der Zukunft skizziert werden:
(1) Die internationale Holding und einem konsequenten „local for local-footprint“, in der sich die europäischen Aktivitäten nach den anderen, meist dynamischeren internationalen Regionen-Clustern einreihen.
(2) Rückwärtsintegrierte Spezialitätenhersteller, die ihren Zugang zu attraktiven Anwendungen über innovative Produkte durch die Kontrolle und Monetarisierung der Vorstufen noch steigern, Stichwort Verbundproduktion.
(3) Systemhäuser, die sich als Problemlöser konsequent auf die vermeintlichen Nebenleistungen zum physischen Produkt konzentrieren, nämlich das Design-in von Produkten in Kundenlösungen, die anwendungstechnische Begleitung und eine hohe Innovationsquote in Anwendungen.
Übrigens: Innovationen bedeuten nicht zwingend Klein(st)mengen im Apotheken-Format, um die gewählte Analogie noch etwas auszureizen. Auch im großindustriellen Maßstab entstehen neue Märkte immer auf der Basis von Innovationen und in Anwendungen, die auf neuen Technologien setzen und diese entsprechend skalieren lassen.