Das Ausproduktionsszenario ist in Sanierungs und Insolvenzverfahren ein hochsensibler, zugleich jedoch höchstrelevanter Bestandteil der Vergleichsrechnung. Erwartungshaltungen der Gläubiger, operative Umsetzbarkeit sowie der richtige Zeitpunkt der Bewertung bestimmen maßgeblich, ob Fortführung, Verkauf oder Ausproduktion als tragfähige Option bewertet werden können. Der Executive Dialog von Wieselhuber & Partner (W&P) widmete sich der Frage, wie Ausproduktionsszenarien realistisch zu rechnen sind, welche Anforderungen Gläubiger an Transparenz und Nachvollziehbarkeit stellen und warum eine ehrliche Auseinandersetzung mit diesem Szenario früh im Verfahren beginnen muss.
Volker Riedel, Managing Partner bei W&P, ordnete das Thema aus Sicht der Gläubigerausschuss und Entscheidungspraxis ein. Ausproduktionen würden häufig erst dann ernsthaft betrachtet, wenn Investorenprozesse gescheitert seien oder Zeitdruck dominiere. Gerade dann zeigten sich jedoch die Schwächen unzureichend vorbereiteter Vergleichsrechnungen: „Vergleichsrechnungen müssen das widerspiegeln, was operativ tatsächlich leistbar ist – alles andere führt im Gläubigerausschuss zu falschen Entscheidungen.“
Laut Thomas Harbrecht, Rechtsanwalt, Allianz Trade, sei die Ausproduktion aus Gläubigersicht kein theoretischer Sonderfall, sondern ein vollwertiger Entscheidungs Case, der denselben Grad an Transparenz, Planungstiefe und Dokumentation erfordere wie Fortführung oder Verkauf. Harbrecht machte deutlich, dass Gläubiger insbesondere nachvollziehbare Zeitpläne, realistische Kostenansätze sowie eine saubere Herleitung der Ergebniswirkungen erwarten. Ausproduktion bedeute operative Steuerung bis zum letzten Tag und müsse jederzeit begründbar machen, warum sie zur bestmöglichen Gläubigerbefriedigung beiträgt.
Matthias Müller, Partner bei W&P, stellte die Ausproduktion als integralen Bestandteil der Vergleichsrechnung neben Asset Deal und Insolvenzplan dar und verwies auf die hohe Sensitivität solcher Rechnungen gegenüber einzelnen Planungsannahmen: „Vergleichsrechnungen reagieren extrem sensibel auf einzelne Prämissen – gerade bei der Ausproduktion können bereits kleine Veränderungen bei Auslastung, Working Capital oder Verwertungserlösen erhebliche Ergebnisverschiebungen auslösen.“ Entscheidend: Eine frühzeitig aufgesetzte integrierte Planung, die Liquiditäts , Ertrags und Vermögenseffekte konsistent abbildet und Zielkonflikte zwischen besicherten und unbesicherten Gläubigern transparent macht.
Bernd Grupp, Managing Partner der allea consult GmbH, ordnete anhand ausgewählter Praxiserfahrungen ein, unter welchen strukturellen und branchenspezifischen Voraussetzungen Ausproduktionen realistisch tragfähig sein können und wo sie an operative Grenzen stoßen. Er zeigte:
Erfolg oder Misserfolg weniger von der rechnerischen Attraktivität als von Steuerbarkeit, Klarheit der Rahmenbedingungen und konsequenter operativer Führung abhängen.
Dass Ausproduktionsszenarien regelmäßig in einem Spannungsfeld divergierender Gläubiger und Stakeholderinteressen stehen, wurde in der Werkstattdiskussion deutlich. Diskutiert wurde insbesondere die unterschiedliche Betroffenheit von besicherten und unbesicherten Gläubigern sowie die Frage, unter welchen Voraussetzungen Grundpfandgläubiger, Finanzierer oder Kunden Ausproduktionslösungen mittragen. Die Rolle der Verfahrensbeteiligten als vermittelnde Instanz zwischen diesen Interessen ist dabei entscheidend: Aus Sicht der Gläubiger kann eine Ausproduktion nur dann tragfähig sein, wenn Beiträge, Risiken und Nutzen transparent verteilt werden und der gewählte Weg für alle Beteiligten nachvollziehbar auf eine bestmögliche Gläubigerbefriedigung ausgerichtet ist.
Fazit der Experten: Keine Angst vor der Ausproduktion. Sie ist keine Kapitulation, sondern bis zum Schluss eine unternehmerische Gestaltungsaufgabe.