Produzierende Unternehmen der Chemieindustrie stehen vor tiefgreifenden Umbrüchen: Globale Wettbewerbsdynamiken, strukturelle Standortnachteile und volatile Märkte verändern Wertschöpfung und Geschäftsmodelle nachhaltig. Gleichzeitig entstehen neue Wachstumschancen dort, wo Unternehmen Technologien schneller industrialisieren, Innovationskraft systematisch stärken und neue Geschäftsfelder erschließen. Welche Rolle Innovation dabei spielt und wie sich Wertschöpfung von „Volume to Value“ entwickeln lässt, war Thema des digitalen W&P Executive Dialogs „Resilienz durch Innovation als einzig wahre Wachstumsquelle“.
Dr. Stephan Hundertmark, Partner bei Dr. Wieselhuber & Partner (W&P) verdeutlichte einleitend, wie internationale Wettbewerbsverschiebungen, Produktionsverlagerungen und neue Wachstumsschwerpunkte klassische Geschäftsmodelle in der Chemiebranche zunehmend herausfordern. „Volumina, die früher in Europa produziert wurden, werden künftig von asiatischen Anbietern bedient – das stellt das bisherige Selbstverständnis europäischer Chemieunternehmen in Frage“, so Hundertmark. Damit gerieten nicht nur Produktionskapazitäten unter Druck, sondern auch die strategische Logik vieler Geschäftsmodelle müsse überprüft werden. Hundertmark skizzierte vier Geschäftsmodelltypen, mit denen Unternehmen den Wandel von „Volume to Value“ aktiv gestalten können – vom Systemhaus über rückwärtsintegrierte Nischenanbieter bis hin zu regionalen High End Spezialisten und global ausgerichteten Holdings.
Simon Moser, Mitglied der Geschäftsleitung und Leiter Innovation & New Business bei W&P, beschrieb wie Unternehmen mithilfe eines strukturierten Vorgehens neue Geschäftsfelder systematisch erschließen können. Entscheidend sei das klare Zielbilds zu Beginn jedes Projekts: Welche Rolle soll Diversifikation spielen – Absicherung des Kerngeschäfts, Erweiterung bestehender Märkte oder der Sprung in völlig neue Felder? „Am Ende geht es darum, aus hundert Ideen die wenigen herauszufiltern, die relevant, machbar und wirtschaftlich attraktiv sind“, so Moser. Die erfolgreiche Umsetzung erfordere klare Verantwortlichkeiten, fokussierte Teams und einen konsequenten Transfer der identifizierten Chancen in belastbare Markteintrittskonzepte.
Philipp Oberniedermayr, Senior Consultant Chemie bei W&P, zeigte wie sich diese strategischen und methodischen Ansätze in konkrete Wachstumsfelder übersetzen lassen. Er verdeutlichte, dass Investitionen in der Chemie zunehmend in spezialisierte Anwendungen fließen – etwa in High Performance Polymere, Halbleiterchemie, Pharmazulieferstoffe oder Wasserbehandlung. Entsprechend wachse die Bedeutung technologischer Kompetenz: „Wir sehen eine klare Bewegung weg von breiten Commodities hin zu spezialisierten Anwendungen mit hoher Wertschöpfungstiefe“, so Oberniedermayr. Damit wird die Fähigkeit von Unternehmen, ihre vorhandenen chemischen oder verfahrenstechnischen Kernkompetenzen gezielt weiterzuentwickeln und entlang wachsender Märkte neu zu positionieren, entscheidend.
Die Werkstattdiskussion machte deutlich: Der Wandel von „Volume to Value“ ist nicht allein eine Frage von Technologie und Marktmechanik ist, sondern erfordert organisatorische Weitsicht. Und auch wenn sich die Chemieindustrie den tiefgreifenden strukturellen Veränderungen aktiv stellen muss: Trotz globaler Verschiebungen eröffnen sich zahlreiche Chancen – unternehmerisch genutzt, können sie zur Basis neuer Wachstumspfade werden.