W&P Kommentar
München, 22.01.2015

Niedriger Ölpreis: Kein Grund zur Freude in der chemischen Industrie!

Kommentar von Dr. Karl Martin Schellerer, Dr. Wieselhuber & Partner

Wer hätte gedacht, dass der Preis für einen Liter Diesel noch einmal die 1-Euro-Grenze schrammt? Auf der Angebotsseite sorgen weit offene Ölhähne in Saudi-Arabien und die exzessive Exploration von Schiefergas und Ölsanden in Nordamerika zu einer Ölschwemme. Doch auch die Nachfrageseite trägt Anteil am niedrigen Ölpreis: Die schwächelnde Konjunktur in Westeuropa, stotternde Industrien in Wachstumsländern wie Russland und Brasilien und nur moderates Wachstum in China sind mitverantwortlich, dass der Fall des Ölpreises nicht gebremst wird.

Konsequenz für die chemische Industrie? Der vermeintlich gewonnene Wettbewerbsvorteil für ein Europa mit niedrigeren Herstellungskosten kann nicht genutzt werden, da schlichtweg die Absatzmengen fehlen. Mehr noch: Die mangelnde Nachfrage kombiniert mit neuen preislichen Spielräumen auf der Angebotsseite führt sogar zu einer fallenden Marge bei nachgelagerten Chemieerzeugnissen wie Polymerprodukten. Wer die Preisspielräume ausreizt, um die eigenen Absatzmengen zu sichern, steht vor einer weiteren "Falle". So werden nicht nur die USA, sondern auch stark von Öleinnahmen abhängige Staaten wie Russland, Venezuela oder Brasilien eine Allianz gegen die Middle East-Staaten bilden, um die Angebotsseite so einzustellen, dass sich der Ölpreis bei 80 bis 100 Dollar/Barrel einpendelt. Die Kombination aus einer kostengetriebenen, aber nicht marktgestützten Nachfrageerhöhung und einer Angebotsverknappung führt Chemieunternehmen in eine hochriskante Situation, denn: Die an den steigenden Ölpreis gekoppelten Kostensteigerungen können mangels Margenpuffer nicht 1:1 an den Markt weitergegeben werden. Bei kapital- und liquiditätsschwachen Unternehmen kann das schnell unternehmensbedrohend werden.

Neben der reinen marktwirtschaftlichen Betrachtung ist auch klar, dass die derzeitigen Ölpreise Gift für die Energiewendediskussion ist. Mag die Energiewende in Deutschland in ihrer Ausführung noch so dilettantisch angepackt worden sein - die grundsätzliche Orientierung hin zu Ressourcenschonung und auch Ressourcenunabhängigkeit ist sicher richtig, verstärkt aber momentan im internationalen Umfeld die energiepolitische Isolation Deutschlands.

Man kann nur hoffen, dass sich deutsche Unternehmen trotz der aktuellen Situation nicht von ihrer begonnenen Neuausrichtung abbringen lassen. Schließlich wird die Freude an niedrigen Öl- und damit Energiekosten nur von kurzer Dauer sein...

Für weitere Informationen stehen wir jederzeit gerne zur Verfügung.
 
Ihr Ansprechpartner
Stephanie Meske
Public Relations
 
Telefon
+49 89 / 286 23 139

Fax
+49 89 / 286 23 290

 
Kontaktieren Sie uns
 
Themenrelevante Inhalte
In den letzten Wochen ist die große Abhängigkeit und enorme Verletzlichkeit klassischer Lieferketten im Maschinenbau...
mehr
Die Folge von zehn Jahren Hochkonjunktur: Viele Unternehmen bzw. Geschäftsmodelle zeigten zu wenig Veränderung...
mehr
Die Chance, seine Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit zu steigern, gelingt nur mit systematischer...
mehr
Unternehmen mit hohem Digitalisierungsgrad in allen Unternehmensprozessen sind den Herausforderungen der...
mehr
Nach der „Schock- und Improvisations-Phase“ und dem Erreichen des Peaks der Corona-Krise, sollte der Blick nun gezielt auf den...
mehr
Die Corona-Krise bringt viele an den Rand der unternehmerischen Existenz. Doch zahlreiche Unternehmer und Unternehmen haben...
mehr
Mit ihrer hohen Anlagenintensität ist der zentrale Erfolgshebel in der...
mehr
COVID-19 bringt derzeit ungeahnte unternehmerische Herausforderungen mit sich. Einnahmen müssen so weit wie möglich...
mehr




Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Webseite. Mit der Nutzung unserer Webseite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.