W&P Kommentar
München, 08.06.2017

Europäische Kunststoffindustrie - Rohstoffe im Umbruch!

Kommentar von Stephan Hundertmark, Leiter Chemie/Kunststoffe, Dr. Wieselhuber & Partner GmbH
Dr. Stephan Hundertmark
Leiter Chemie/Kunststoffe 

Die europäische Kunststoffindustrie befindet sich auf der Rohstoffseite in einem tiefgreifenden strukturellen Wandel. Als klassisch mittelständisch geprägte Industrie sind Kunststoffverarbeiter in ihrer Sandwichposition zwischen globalen Versorgern und Konzernen auf der Abnehmerseite von diesen Umbrüchen besonders betroffen. Drei zentrale Entwicklungen treiben den Strukturwandel:

Investitionsschwerpunkte der petrochemischen Rohstoffindustrie außerhalb Europas
Mit steigenden Ölpreisen und einem wiedererstarken der US Shale Gas-Industrie sowie dem wirtschaftlichen Aufholen (bspw. Iran) gewinnt die Verlagerung der Investitionsschwerpunkte wieder an Dynamik. Es ist also an den verbliebenen europäischen Versorgern, ihren selbst verschuldeten Vertrauensverlust in die Versorgungssicherheit wieder umzukehren. Gegeben die Vorwärtsintegration internationaler Petrochemie-Konzerne bis in die Verarbeiterstufe und somit in direkte Wettbewerbsbeziehungen zu langjährigen Kunden, erscheint dies wie eine echte Herkulesaufgabe mit ungewissem Ausgang. 

Dauerhaft hohe Preisvolatilität in Zukunft
Die dynamischere Zyklik und höhere Krisen-Anfälligkeit einer vernetzten Wirtschaft sorgen für deutliche Schwankungsbreiten – zum Beispiel bis zu 32 Prozent im Krisenjahr 2015 (siehe „Plastixx“ Polymerpreisindex). Vor allem im Handels- und Projektgeschäft mit Halbzeugen und vorkonfektionierten Produkten gehen volatile Kosten voll zu Lasten der Anbieter – sinkende Rohstoffpreise werden von Kunden sofort als Rabatte eingefordert, steigende Einstandspreise jedoch sind Geschäftsrisiko und im Ergebnis Margenfresser.

Aus Konzerntöchtern werden fokussierte Kunststoffunternehmen 
Positiv wirken hier sicher die gewonnen Freiheitsgrade der Unternehmen und die Fokussierung auf Innovationen, die gerade Verarbeitern als Grundlage für innovative Produkte zugutekommen. Zugleich werden Kapitalmarktforderungen in Bezug auf Wachstum und Renditen eine weitere Abkehr von Commodities treiben, die Verarbeiter von Standardqualitäten dann umso mehr im globalen und volatilen Rohstoffmarkt beschaffen müssen.

Es bleibt nur eines: Die Unternehmen der europäischen Kunststoffindustrie müssen aus diesem strukturellen Umbruch zunehmend eine Tugend machen und dafür vor allem die Leistungsfähigkeit ihrer Wertschöpfung hinterfragen und optimieren. Gerade in Zentraleuropa entwickelt sich der Markt und das Angebot an Rezyklaten rasant bis in Qualitäten von Frischmaterial - und dies meist zu günstigeren Preisen. Verarbeiter nutzen dies zum Aufbau einer weiteren Säule in ihrer Rohstoffversorgung, um ihre Produktion und Kostenstruktur robust weiterzuentwickeln. Selber im Innovationswettbewerb stehend, suchen Verarbeiter auch ständig nach innovativen Materialien für neue Produkte, um dem umkämpften Commodity-Wettbewerb zu entkommen: biobasierte Polymerrohstoffe, funktional aufgerüstete Polymersysteme und Hochleistungskunststoffe drängen aus Nischen zunehmend in Breitenanwendungen.

Über allen Veränderungen schwebt natürlich auch das Chancenwunder, das Fragezeichen oder das Damoklesschwert – die „Digitalisierung“. Hier hilft vor allem pragmatisches fortschrittsorientiertes Unternehmertum, um die Chancen der Industrie 4.0 und Big Data für sich zu nutzen. Ist die aktuelle „smartness“ eines Unternehmens erst Mal evaluiert, können Bereiche definiert werden, in denen smarte Lösungen als Katalysator für notwendige Veränderungen wirken.

Kurzum: Veränderung ist für Kunststoffverarbeiter nichts Neues sondern gelebter Alltag. Werden aus dem aktuellen Strukturwandel auf der Rohstoffseite die richtigen Schlüsse gezogen, werden die Europäischen Kunststoffverarbeiter auch in ihrer Sandwich-Position nicht eingeklemmt.
 
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Stephanie Meske
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