W&P Kommentar
München, 02.11.2016

Gold des Digitalisierungszeitalters: Automatisierungstechniker - ran an den Datenschatz!

Kommentar von Volker Bellersheim, Mitglied der Geschäftsleitung, Dr. Wieselhuber & Partner GmbH
Volker Bellersheim
Mitglied der Geschäftsleitung 

Hand auf‘s Herz: Wie weit sind Unternehmen auf dem Weg der digitalen Transformation, auf dem Weg in die Industrie 4.0 tatsächlich vorangekommen? Nüchtern analysiert hat die vielgepriesene Disruption noch gar nicht stattgefunden: An der Tagesordnung ist vielmehr eine Weiterentwicklung in kleinen Schritten – derzeit von Industrie 3.6 zu Industrie 3.7.

Ja, die deutschen Unternehmen der Automatisierungstechnik haben in den letzten Jahren enorm vom Trend zu komplexeren Produktionsanlagen und den gestiegenen Anforderungen (Lieferzeiten, Mass Customization, usw.) profitiert. Von 2010 bis 2014 wurde ein durchschnittliches Wachstum von fast 8% erzielt. Die EBIT Margen der Top 25 Hersteller (Steuerungen, Aktorik & Sensorik, sonstige Automatisierungskomponenten und Systeme; ohne internationale Konzerne) waren mit 11% sehr erfreulich. Aber: Die Automatisierungssparten der internationalen Konzerne sind mit fast 15% deutlich profitabler als die deutschen Mittelständler! Trotz Weltmarktführerschaft vieler dieser Unternehmen, liegt der Umsatzanteil im Wachstumsmarkt Asien durchschnittlich nach wie vor unter 20%. Und das, obwohl der Anteil des asiatischen Maschinenbaus inzwischen auf weit über 30% gestiegen ist. Können die deutschen Automatisierungstechnik-Unternehmen vor dem Hintergrund dieser Zahlen Ihre Spitzenstellung halten oder weiter ausbauen? Die F&E-Quote ist nach wie vor sehr hoch (Elektrotechnik-Industrie 2013: 8,6% vs. 2,9% im Maschinenbau) – aber werden die Mittel für Innovationen in die attraktivsten Felder gelenkt? Wird ausreichend in Software, neue Services und Geschäftsmodelle im Bereich Industrie 4.0 investiert? Kann so der Sprung in die Industrie 4.0 gelingen?

Klar ist: Die erforderlichen Technologien sind da. Intelligente Komponenten, Kommunikationstechnologien und leistungsfähige Rechnerkapazitäten stehen kostengünstig zur Verfügung. Daten und Informationen gibt es auch: Digitale Abbilder der Objekte und Prozesse, Merkmale und Zustände von Komponenten und Maschinen sind in Echtzeit verfügbar, Algorithmen und künstliche Intelligenz machen nutzbare Informationen daraus. Ein wahrer Datenschatz also – der häufig noch völlig brach liegt. Dabei haben die Automatisierungstechniker die denkbar beste strategische Position: Mit ihren Sensoren und ihrer Steuerung sitzen sie quasi in der Schatztruhe und können direkt zugreifen: Das Gold des Digitalisierungszeitalters, die Daten, werden in ihren Komponenten und Systemen generiert.

Viel zu stark verharren Unternehmen der Automatisierungstechnik in ihrem bisherigen Geschäftsmodell und bieten Industrie 4.0-fähige Komponenten und Systeme sowie klassische Hardware-orientierte Services an. Zustandsorientierte Wartungskonzepte (Predictive Maintenance) oder Energie-Management-Lösungen sind deshalb zwar vielversprechende Ansätze, heben aber den „Schatz“ noch lange nicht! Weitergehende Services, die die Frage „Was kann ich tun, um dem Maschinen- oder Anlagenbetreiber zu helfen effizienter zu produzieren?“ adressieren, sind oft nicht angedacht. Die Gründe: Ökonomische Vorteile für den Betreiber sind oft nicht klar und Vorbehalte insbesondere bezüglich der Datensicherheit und Implementierungsaufwand (noch) nicht ausgeräumt.

Die Kernfrage ist letztendlich, welche Daten von wem und wie genutzt werden. Wird der Maschinenbetreiber künftig bereit sein, dem Maschinen- oder Komponentenhersteller online Zugriff auf Daten zu gestatten, um „automatisiert“ Serviceleistungen wie Ersatzteilbeschaffung, Vorschläge zur Anlagen- und Qualitätsoptimierung, usw. zu bekommen? Wenn ja, dann sehen die Bedingungen für den Sprung von Industrie 3.7 zu Industrie 4.0 gut aus. Doch was, wenn nein? Dann wird es bald eng, vor allem im internationalen Wettbewerb. So oder so bleibt es spannend, wie schnell sich innovative Services flächendeckend durchsetzen - und wer letztendlich den größten Teil des Schatzes kassiert.
 
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